Winterreise

von Elfriede Jelinek

Theater Regensburg

Regie: Mia Constantine

Bühne, Video: Michael Lindner

Kostüme: Monika Frenz

mit: Ulrike Requadt, Michael Heuberger, Verena Maria Bauer, Jacob Keller, Sebastian M. Winkler

 

PREMIERE AM 10. FEBRUAR 2017

Fotos: Michael Lindner, Christina Iberl

Ulrike Requadt

PRESSE

die deutsche Bühne, 11.02.2017

 

Eine Wanderung aus der Zeit

von Manfred Jahnke

Elfriede Jelinek: Winterreise

Premiere: 10.02.2017

Theater Regensburg

Homepage: http://www.theater-regensburg.de/

Regie: Mia Constantine

 

Vier Wanderer, zwei männlich, zwei weiblich, in langen schwarzen Kleidern und in klobigen Wanderstiefeln, stehen in einem verschneiten Wald und starren ins Publikum. Dann beginnen sie nach links abzumarschieren, sehr zielgerichtet. Mit diesem Video von Michael Lindner zu der Schubertmeldodie „Gute Nacht!“, von Satomi Nishi auf Band eingespielt, beginnt am Theater Regensburg „Winterreise“ von Elfriede Jelinek. Schon in dieser Eröffnung vereint die Inszenierung von Mia Constantine Schauspiel, Video, die die Schauplätze verdeutlichen, Hörspiel und ein musikalisches Arrangement, das mit den Schubert`schen Motiven spielt. Thies Mynther und Fee R. Kuerten verwandeln diese in Syntheziserklänge, die mal leise unaufdringlich die Szenen untermalen, mal laut szenische Zäsuren setzen. Szenenwechsel werden darüber hinaus mit einer hohen schwarzen Wand angedeutet, die schnell von einer Seite auf die andere geschoben werden kann und dann den Blick frei gibt auf den Bühnenraum (Michael Lindner), der von hohen paneelhaft strukturierten Wänden begrenzt wird. Ein hohes Podest mit abnehmbaren glänzenden Platten beherrscht die Szene. Wie in einem Labyrinth, durch transparente Wände geschaffen, können die Spieler unter diesem Podest, herum kriechen. Damit ist ein nachdrückliches Bild geschaffen für das bürgerliche Unterbewusstsein, dass den Redestrom der Autorin beherrscht.

Einen Jelinek-Text kann man nicht ohne Haltung machen. In ihrer 90-minütigen Spielfassung konzentriert die junge Regisseurin Mia Constantine das Stück auf die Frage, was die Zeit mit einem macht. Sie benutzt dabei als klare Strukturmomente die Motive aus Schuberts "Winterreise“, die zwar auch bei der Jelinek stehen, aber in der Wucht der Bewusstseinsprosa unterzugehen drohen. Darüber hinaus dürfte dieser Text der wohl bisher persönlichste der Autorin sein, aber Constantine gelingt es, diesen Bezug nicht zu unterschlagen, aber diesen aufzuheben in der Sichtbarmachung eines über das Subjektive hinaus gehendes (bürgerliches) Weltgefühl. Wenn die Spieler sich immer wieder direkt fragend an das Publikum wenden, wird dieser Zusammenhang deutlich.

Zusammen mit der Dramaturgin Stephanie Junge hat sich die Regisseurin entschieden, den Text auf fünf Spieler zu verteilen und den Rollen auch Namen zu geben. Ulrike Requadt spielt in der Frisur der Jelinek die namenlose „Autorin“ mit einer hohen Sprechkultur, die die gesamte Inszenierung auszeichnet. Sie ist sozusagen doppelt auf der Bühne, einmal als reflexive Philosophin, zum anderen als Dialogpartnerin. Verena Maria Bauer verkörpert mit erfrischend naiver Sympathie Natascha Kampusch, die ja einmal aus der Welt herausgefallen war und nun von einer Medienwelt manipuliert wird. Jacob Keller und Sebastian M. Winkler treten als Banker und später zusammen mit Bauer als Skifahrer in umwerfend komischen Rollen auf. Einen Höhepunkt bildet der Auftritt von Michael  Heuberger als Vater, abgeschoben in die Waldeinsamkeit eines Heims, in der Alte über das Vergessen in der Demenz berichtet. Das macht Heuberger so anrührend wie wütend: das ist noch ein Funke, der sich wehrt, vergeblich.

Einerseits haben Mia Constantine und ihr Team – da sind noch die Kostüme von Monika Frenz zu nennen, in der die Schwarz-Weiß-Töne überwiegen – eine formal strenge Inszenierung geschaffen, in der alle Medien (Spiel, Video, Hörspiel, Musik, Raum, Farben) aufs Engste sich verbinden, andererseits prägen Humor, Tragik und große Gefühle diese Inszenierung. „Winterreise“ ist übrigens die allererste Jelinek-Inszenierung in Regensburg.


 

Mittelbayerische Zeitung, 12.02.2017

Winterreise als intelligente Sprachoper

 

Im Theater am Haidplatz wird Elfriede Jelineks spröde Text-Meditation zu einem wortgewaltigen Spiel. 

Von Ulrich Kelber, MZ

REGENSBURG.Am stärksten sind die Szenen, wo Elfriede Jelinek ganz persönlich wird, wo es ganz unmittelbar um die eigene Biographie geht. Um das komplizierte Verhältnis zur Mutter, um die Befreiung aus dem Netz dieser erdrückenden Liebe. Vor allem aber um den Vater, dessen Tod ein immerwährendes Trauma geblieben ist. Der Vater, der sich im Irrgarten des Vergessens verloren hat, ein angsterfüllter Ausgestoßener, der sich von Frau und Tochter verlassen fühlt, denn die hätten für ihn „das Hotel zum Totenacker schon gebucht.“

Ergreifend spielt Michael Heuberger diesen Vater, für den die letzte Station der Lebensreise so furchtbar geworden ist. Die Einsamkeit und Verzweiflung dieses verstörten Mannes formt Heuberger zu einem schonungslosen Klagelied. Er weiß, wie man mit Jelineks Text, der so lapidar dahinzufließen scheint, umgehen muss, um ihm eine fast qualvolle Intensität zu geben. Er setzt ganz auf Macht und Wirkung des Wortes. Sein Monolog gehört zu den Glanzpunkten der Aufführung.

Ganz aufs Wort konzentriert: Das lässt sich auch generell über die Inszenierung von Mia Constantine sagen. Das viel gespielte Stück – seit der Uraufführung vor sechs Jahren hat es sich kaum ein deutsches Theater entgehen lassen – wird in Regensburg in einer radikalen Schlichtheit und ganz ohne Effekthascherei dargeboten. Keine Ablenkung durch schöne Bilder, nur nicht die Phantasie ins Kraut schießen zu lassen, scheint die Maxime der Regisseurin zu sein.

Traurigkeit dominiert

 

Verblüffend, ja irritierend in seiner Kargheit ist bereits das Bühnenbild (Michael Lindner): Ein großer, leerer Kasten, dessen Wände aus einem aus einem fad-grauen Laminat bestehen. Und die Bühne hat einen doppelten Boden, denn es geht in dem Stück ja immer wieder um das, was sich unter der Oberfläche abspielt, um das Verborgene und Verdrängte.

 

Eine Spieldauer von rund 90 Minuten – mehr will man in Regensburg den Theaterbesuchern nicht zumuten. Aber die Auswahl, die Regisseurin Constantine und Dramaturgin Stephanie Junge aus Jelineks „Textgebirge“ getroffen haben, ist durchaus überzeugend. Nur die Szene mit der Skifahrerkostümierung gerät durch die Verknappung arg rätselhaft.

Mia Constantine lässt den Text – bei Jelinek gibt es keine Rollenverteilung – von einem Darsteller-Quintett sprechen. Alle treten, abgesehen vom Vater mit Hut und Altherren-Anzug, in gleichen Kostümen auf (entworfen von Monika Frenz): in sackartigen Kleidern, an den Füßen derbe Wanderschuhe.

Schuberts „Winterreise“ war für Jelinek, die ja am Wiener Konservatorium eine musikalische Ausbildung absolviert hatte, die Inspirationsquelle. Immer wieder zitiert sie einzelne Liedzeilen, spinnt die Gedanken in einer Art Text-Meditation weiter. Die der Schubert-Komposition innewohnende Stimmung will auch Regisseurin Constantine auf der Bühne zeigen, es dominiert eine schmerzhafte Traurigkeit.

Nur manchmal blitzt auf, dass es in dem Jelinek-Text auch viel Witz und Ironie gibt. Diesen Part dürfen Jacob Keller und Sebastian M. Winkler übernehmen. Als smarte Banker greifen sie tief in die Trickkiste und freuen sich diebisch über den Erfolg ihrer schmutzigen Geschäfte. Clever gespielt! Der Skandal um die Hypo Alpe Adria, auf den hier angespielt wird, ist zwar einige Jahre her. Aber erinnern wir uns: Seine Ausläufer reichten bis nach Regensburg. Und die Tricksereien dürften bei den Skandalen von heute nach ganz ähnlichem Muster ablaufen.

Zynismus wird entlarvt

 

Und beim Fall Kampusch, dem aus dem Kellerverlies entkommenen Mädchen? Da empört sich Jelinek über die Häme im Umgang mit dem Opfer und entlarvt den bösartigen Zynismus der vox populi. Das hört sich an, als habe Jelinek schon eine Vorahnung gehabt von der Hetze und den Hasskommentaren, die heute so hemmungslos verbreitet werden.

Die „Winterreise“ wird in Regensburg zur intelligenten Sprachoper mit wortmächtigen Darstellern. Bravourös ist vor allem Ulrike Requadt, die das Ich der Autorin glaubhaft und intensiv zu verkörpern weiß. Eine starke und doch verletzte Frau, die skeptisch auf Welt und Zeit blickt. Auch Verena Maria Bauer – mal als stummes Opfer Kampusch, mal als quirliges alter ego der Autorin – weiß kluge Akzente zu setzen. Die einzelnen Stimmen vereinen sich immer wieder zum raunenden Chor.

So viel Wortgewalt, so viel diszipliniertes Sprechen gibt es nicht oft zu erleben. Und Respekt vor dem Mut der Regisseurin und ihrem Zugang zu dem Jelinek-Text, der in anderen Inszenierungen schon sehr viel greller, bunter, ja spektakelig auf die Bühne gebracht wurde.


ONETZ.de 13.02.2017

von Stefan Rimek

 

Es ist kaum zu glauben, aber noch nie wurde am Theater Regensburg ein Stück von Elfriede Jelinek aufgeführt und das obwohl die österreichische Autorin im Jahre 2004 den Literaturnobelpreis erhielt. Nun ist es endlich soweit.

Rund dreieinhalb Monate nach Jelineks 70. Geburtstag inszeniert Mia Constantine das 2011 an den Münchner Kammerspielen uraufgeführte Stück "Winterreise" im Regensburger Theater am Haidplatz.

"Winterreise" gilt zurecht als eines der persönlichsten Stücke der österreichischen Autorin, streift sie hier doch ähnlich ziel- und hoffnungslos durch die Welt wie der Wanderer in Franz Schuberts gleichnamigem Liederzyklus. Kombiniert werden die autobiographischen, von Einsamkeit und innerer Emigration handelnden Monologe in diesem Stück mit der Demenzerkrankung von Jelineks Vater oder mit gesellschaftlichen Ereignissen wie der Entführung von Natascha Kampusch oder dem Bankenskandal um die Hypo Alpe Adria.

 

Die Spannung hält 

 

Insgesamt handelt es sich um einen Text, der ungekürzt wohl eine Aufführungsdauer von mehr als fünf Stunden hätte, was aber dem Theaterbesucher nicht zuzumuten wäre. Da ist die Regie gefordert, muss sie doch den Stoff auf eine erträgliche Länge bringen ohne die Substanz des Werks zu schädigen. Mia Constantine ist genau dies bei ihrer jetzigen Regensburger Inszenierung auf beeindruckende Weise gelungen. Man kann hier gar nicht sämtliche Details erwähnen, mit welchen sie den bis ins Groteske intellektualisierten Monologen die Spannung bewahrt.

Raum für Interpretation 

 

So lässt sie des öfteren aufgezeichnete Textpassagen aus Lautsprechern erklingen, während die Bühnenakteure dazu stumm die Gestik präsentieren. Durch diese raffinierten Wechsel zwischen Originalstimmen und Einspielungen verleiht Mia Constantine den Monologen einen dialogischen Charakter. Immer wieder bergen die gut durchdachten Bewegungsabläufe Überraschungen. Zusammen mit dem kreativen Bühnenbild und den ebensolchen Videos (beides von Michael Lindner) sowie den innovativen Kostümen von Monika Frentz schafft Constantines Regie für die Protagonisten immer wieder neue Räume und Ausdrucksmöglichkeiten.

Und die Schauspieler wissen diese Räume hervorragend zu nutzen, denn alle Rollen sind treffend besetzt. Dies gilt besonders für Ulrike Requadt, die in der Rolle der Autorin Jelinek sogar die grotesken Passagen so locker über die Bühne bringt, als habe sie diese gerade selbst erfunden. Auch Michael Heuberger verkörpert seine Rolle als demenzkranker Vater Jelineks mit berührendem Ausdruck. Jacob Keller und Sebastian M. Winkler, die unter anderem als Banker und Skifahrer auftreten, sowie die junge Verena Maria Bauer, die neben Natascha Kampusch diverse Personen oder abstrakte Persönlichkeiten darstellt, komplettieren die Produktion, die intellektuellen Anspruch geschickt mit einem unaufdringlichen Unterhaltungswert verbindet.