Homevideo

von Can Fischer

Theater Regensburg

Regie: Mia Constantine

Bühne, Kostüme und Video: Michael Lindner

Dramaturgie: Claudia Erl

Musik: Manfred Adler

 

 

Mittelbayerische zeitung

 

 

                                                    Von Katharina Kellner, MZ, 31.5.2016

"REGENSBURG.Alles weiß. Im ersten Bild präsentiert sich die Bühne als minimalistisch möblierte Wohnlandschaft – im Zentrum ein dickwandiger Kasten, darin ein Bett. Ein zweites Bett rechts. Links vom Kasten ein Sofa. Aus all dem Weiß stechen hervor: die Gitarre von Jakob, dem Mobbingopfer, eine schwarze Kamera und die Waffe, die Jakobs Vater Claas (Frerk Brockmeyer) als Polizist am Gürtel trägt.

Zu Beginn stellen sich alle Darsteller des Stücks wie zum Familienfoto auf. Das friedvolle Bild wird jäh gestört von wildem Gezeter: Jakobs Eltern Claas und Irina (Silke Heise) zoffen sich. Ihre Beziehung ist am Ende, die Mutter zieht zur neuen Lebensgefährtin. Jakobs Anker in all dem Frust ist Hannah, in die er sich verliebt hat. Da dreht er ein Video, adressiert an Hannah, doch nur für ihn selber bestimmt: Er spielt ein selbst komponiertes Stück auf der Gitarre, zieht sich dann aus und filmt sich nackt beim Onanieren. Jakob-Darsteller Marcel Klein meistert die schwierige Szene souverän, aus dem (überwiegend sehr jungen) Publikum ist vereinzelt peinlich berührtes Gekicher vernehmen.

 

Das Video fällt Jakobs Kumpels in die Hände: Erik (Ludwig Hohl) wirft die Speicherkarte angeekelt fort, doch Henry (Stephan Hirschpointner als feixender Fiesling in Schwarz) nimmt sie an sich: „Das ist Herrschaftswissen!“

Als Glücksfall erweist sich das Bühnenbild von Michael Lindner, das über die ganze Aufführung hinweg unverändert stehen bleibt. Auf geniale Weise unterstreicht es die Intention der Inszenierung. Vier bespielbare Räume erlauben, dass Szenen sich zeitlich überschneiden: Während Jakob rechts mit Hannah anbandelt, entdecken Erik und Henry auf dem Zimmer-Dach das intime Video. So gewinnt die Handlung von Anfang an an Fahrt, ohne das Publikum zu überfordern. Auch deshalb, weil Bühnenautor Can Fischer sein Augenmerk auf die Gefühlswelt von Jakob legt und im Vergleich zum Film „Homevideo“ auf einige Szenen und Figuren verzichtet.

Jakobs Kontrollverlust versinnbildlicht Bühnenbildner Lindner mit einer beweglichen Rückwand von dessen Zimmer: Hinter dem Milchglas zeichnen sich bedrohlich schemenhafte Figuren ab. Sie drücken die Wand zuerst halb, später vollständig in den Raum. So rutscht Jakobs Intimsphäre mit der Entdeckung des Videos in die Öffentlichkeit: zuerst nur in die des unmittelbaren Umfeldes, danach in die des Internets. Wie rasant sich die Sache damit verselbständigt, wie ausweglos Jakobs Lage ist und wie hilflos seine Eltern sind – das geht in dieser Inszenierung unter die Haut.

 

Eine authentische Sprache

 

 

 

 

Wandte sich die „Homevideo“-Verfilmung an Erwachsene, richtet sich Regisseurin Mia Constantine an Jugendliche. Dies gelingt durch den konsequenten Fokus auf Jakob und eine authentische Sprache. Diese schlägt sich auch in den WhatsApp-Nachrichten nieder, die sich die Jugendlichen schreiben. Sie werden auf dem Dachbalken von Jakobs Zimmer eingeblendet. Constantine hat die jugendlichen Rollen durchweg mit jungen Darstellern besetzt. Dass die Inszenierung den Nerv der Zielgruppe getroffen hat, zeigt sich in der lebhaften Diskussion, die sich an die Premiere anschließt. Schülerin Jacqueline (17) ist am Ende angefixt vom Jungen Theater: Sie kann sich gut vorstellen, auch mal außerhalb der Schule herzukommen."